Mini Cooper S Cabriolet: Heiter bis wolkig
Frankfurther Allgemeine Zeitung
Image: Frankfurther Allgemeine Zeitung
Mit unsereins kann man viel machen. Älteres Semester, der Weisheit Ruhe jedenfalls in Spurenelementen intus, seit zwei Jahrzehnten Mini-Fahrer, gern geschlossen, lieber offen. Wahre Liebe ist unverbrüchlich, zumal lang gewachsene. Diffiziler verhält sich die Sachlage, wenn die nachwachsende Generation Zeichen des Unmuts sendet, obgleich vom Grundsatz her autoaffin wie der Herr Papa. Der Familienrat also urteilt in generationenübergreifender Einmütigkeit: herrliches Cabriolet, Belastungsprobe für die Beziehung. Zunächst ist Grundsätzliches zu klären. Als da wäre die ins Leben hereinströmende Frühlingswärme mit ihren Vorboten auf heiße Sommernächte. Vorübergehend geschlossen ist vorüber, Mini lockt gar mit einem furchtbar überflüssigen Always Open Timer, dessen Zähler zu befüllen keine Aufgabe von unerträglicher Schwere ist. Im zuckerversüßten Alltag des Cabrioletprofis brennt die Sonne tagsüber auf das Faltverdeck, die dem Braten nicht immer so ganz trauende Gattin hatte vor der Abfahrt wieder Fünfziger-Sonnencreme und Kappe angemahnt. Klimaautomatik und Musik spielen fein auf, im Winter gehen Sitz- und Lenkradheizung zu Werke, wir überhören das Wort Weichei und kontern mit der Gunst des ganzen Jahres. Funktioniert im städtischen Gewusel Für dosierte Stöße an Frischluft ist ins Dach ein Dach eingelassen, richtig gelesen, der himmlisch orientierte Stoff gibt auf Tastendruck ein schiebedachgroßes Feld frei. Das funktioniert im städtischen Gewusel wunderbar, flotter eher nicht, dann wummert der Wind an den Wänden. Zeichnen sich am Horizont Auf- und Untergänge ab, fallen alle Hüllen. Das gelingt elektrisch in einem Hauch an Sekunden, früher mit einer hübsch chromumfassten Wippe, heute an einem beliebig schwarzen Taster. Der zudem so angebracht ist, dass man während der Öffnungszeremonie mit dem Handballen auf der zuständigkeitshalber berührungsempfindlichen Fläche stets das Innenlicht anschaltet. Wir goutieren an dieser sonnigen Stelle das Verschwinden des mal zwischenzeitlich an Zuneigung gewinnenden Faltblechs, das allein am Mercedes-Benz SLK zufriedenstellend aussah, sonst nirgends. Mini blieb dem Stoff stets treu, well done. Die Güte der Bespannung ist auf einem technisch derart soliden Niveau, dass Kälte oder Windgeräusche niemandem die Laune verderben. Prasselnder Regen ist eine Ohrenweide. Und die Frisur sitzt. Zum Bewerbungsgespräch vorstellig wurde diesmal der Cooper S. Seit der jüngsten Modellreihe lautet die Hierarchie C, S, John Cooper Works, geliefert werden 163, 204 oder 231 PS. Der kleinste ist damit schon ein kräftiger Bursche, es steht trotzdem zu vermuten, dass die Enthusiasten zum S greifen. Wozu auch wir raten. Der Motor reagiert mit Wonne auf Wünsche der Akzeleration, cooles Cruisen ist eine ebensolche Freude wie galoppierende Gangart. Die quirligen, vor allem unter Start-Stop-Automatik gleichwohl ein wenig rappeligen Dreizylinder sind Geschichte. Im Cabriolet schlagen jetzt immer Vierzylindermotoren mit zwei Liter Hubraum, ihre Laufruhe war entscheidend, Dreizylinder gibt es nur noch im geschlossenen Modell. Das Zusammenspiel mit der Siebengang-Doppelkupplung gelingt erquicklich. Ein bisschen wohliger Klang darf auch noch in den Bauchraum dringen, obwohl der Zentralauspuff einer Schamdefensive weichen musste. Ausdrehen gen Rotlicht führt in Bezirke emotionaler Ambivalenz, die Maschine jubelt fröhlich mit, klingt weiter oben aber heiser humorlos. Das Cabriolet hat stets Benzinmotoren Gut zu wissen ist womöglich noch der Umstand, dass das Cabrio enge Verwandtschaft zu seinem Vorgänger pflegt, während die geschlossene Variante neu konstruiert ist. Auf den ersten Blick zu erkennen an den Heckleuchten, die am Zweitürer gemäß Familiengericht eine Bewährungsstrafe verdienen. Das Cabriolet hat stets Benzinmotoren, während die geschlossene Variante mit Benzin aus England oder Akku aus China antritt. Die Dachkonstruktion stammt vom Vorgänger, die Rückbank gewinnt durch einen Kniff etwas an Breite und Komfort. Nun ist der Moment der Schattenseiten gekommen, womit wir uns an sich schwertun, siehe Anfang und Liebe und so. In der Neugestaltung, die vor allem innen auch das Cabriolet erfasst hat, ist bis auf den feschen und gestochen scharfen Rundbildschirm in der Mitte vieles einer schwer fassbaren Lustlosigkeit zum Opfer gefallen. Ohne Head-up-Display kann man nicht fahren, dasselbe ist eine Plastikscheibe. Die Sitze sind unbequemer als zuvor. Lederbezug gibt es nicht mehr, das offerierte Kunstleder freilich ist eines der adretteren Sorte. Warum aber das obere Drittel der Sitze im JCW-Trim aus Kratzstoff ist, wissen die Designgötterchen. Die Farbgebung aller übrigen Sitze ist auch eigen. Einen Tiefpunkt markieren die Oberflächen an den Türtafeln und am Armaturenträger. Des Nachts hübsch beleuchtet zwar, versprühen sie tags wie nachts die Erotik grobkörnigen Schmirgelpapiers. Manch Kunststoff ist Hobbyspritzguss für Fortgeschrittene. Übersehen im Gestaltungsprozess wurden offenbar die Türtafeln, einzig fallen in der tristen Umgebung schwungvolle Türgriffe auf, die weder von vorn noch von hinten gescheit greifbar sind. Die früher charaktergebenden Wippen sind hinfort vom mittelkonsolischen Ort, Drucktasten aus dem Regal lautet nun die Wahl. Kurventempi sind achterbahnfreudig Die Basisausstattung Classic finden wir eher fad, Favoured Trim sollte es sein, dann aber wird eine kupferfarbene Frontspange aufgezwungen, die zu keiner Außenfarbe richtig passt, schon gar nicht zu Rot. Der Testwagen kam im John-Cooper-Works-Trim, steht ihm gut. Einher mit dem schönen Schein geht ein frequenzselektives Fahrwerk, nicht zu verwechseln mit einstellbar. Kurventempi sind achterbahnfreudig, der Abrollkomfort aber ist dahin. Was auch für das Standardfahrwerk gilt. Deutschlands Straßen sind zu schlecht für des Minis Abstimmung. Straff war er immer, jetzt bockt er. Wir fordern vom Mutterhaus BMW ein Sondervermögen. Das ist bekanntlich nicht budgetwirksam. Nach einer Reform wird der Mini wieder zum heiteren Herzensbrecher. Offen sowieso. Wetten? Unser Fazit STARK: Einfach immer das Dach offen lassen und ihn anschauen. Ein Eis dabei essen. In den Sonnenuntergang aufbrechen. Das Grau der Welt ist wie weggeblasen. SCHWACH: Das Grau der Designer ist wohl kurzfristig nicht zu beheben. Keine Wippen, keine Fröhlichkeit, keine Detailliebe im Innern. Das Infrastruktursuchfahrwerk. SONDERVERMÖGEN: Her damit, weg mit dem Reformstau. Nach allem, was man so hört und liest, ist die Botschaft in Bayern und Britannien angekommen. Es eilt ein wenig.
Originalartikel lesen
Besuchen Sie die Quelle für den vollständigen Artikel.
