Es siegt die Toleranz
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Was in Cannes passiert, bleibt nicht in Cannes. 12 Tage lang verwandelt sich die Croisette im Mai zum Laufsteg, der jede Geste, jedes Kleid, jede Bemerkung in Sekundenschnelle in Schlagzeilen verwandelt. Geschehen ist auch dieses Jahr wieder so einiges: Unter Palmen gründeten deutsche Filmemacher wie Ilker Çatak, Tom Tykwer und Nora Fingscheidt eine Dogma-25-Bewegung, die sich dem Verzicht auf Filmmusik, Internet-Recherchen und künstliches Licht verschreibt. „Drive“-Regisseur Nicolas Winding Refn brach während der Pressekonferenz zu seinem einheitlich verrissenen Film „Her Private Hell“ in Tränen aus, als er erzählte, wie er vor seiner Wiederbelebung 25 Minuten lang tot war. Und mitten im Festival-Trubel dreht Schauspieler Alexander Ludwig eine Szene der vierten, in Cannes spielenden Staffel „White Lotus“. Und thematisch-inhaltlich? Da konzentrieren sich die Wettbewerbsfilme ganz offensichtlich auf den Krieg (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article6a0daf77f540d04af288a178/filmfest-und-der-fall-bollore-in-cannes-herrscht-krieg.html) ( „Fatherland“ (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/kino/article6a0338e7cd4a28c470025118/cannes-fatherland-entlarvt-den-deutschen-jahrhundertautor-thomas-mann.html) , „Moulain“ und „Notre Salut“ auf den Zweiten Weltkrieg, „Cowards“ auf den Ersten Weltkrieg, „Minotaur“ auf den gegenwärtigen Russland-Krieg und „La Bola Negra“ auf den Spanischen Bürgerkrieg). Als zweites Thema ist vielleicht noch die queere Liebe unter Männern auszumachen, die ebenfalls gerne im Krieg ausgelebt wird („Cowards“ und „La Bola Negra“) oder alternativ unter den Vorzeichen von Aids („The Man I Love“). Klingt düster? Ist es auch. Höchstens „Cowards“-Regisseur Lukas Dhont und „Minotaur“-Regisseur Andreï Zviaguintsev gelingt es, den Schrecken mit Heiterkeit und Leichtigkeit zu versehen. Die unter anderem aus den Schauspielern Demi Moore und Stellan Skarsgård bestehende Jury unter dem Vorsitz des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook hatte dieses Jahr nur wenig Preiswürdiges zur Auswahl. Im Vergleich zu den Vorjahren, die Weltbewegendes wie „Anora“, „The Substance“, „Anatomie eines Falls“, „Zone of Interest“ und „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ hervorbrachten, bewegte sich dieser Cannes-Jahrgang eher auf Berlinale-Niveau. Das Gefühl, in Berlin im Februar zu sein, hatte man unter anderem bei all den verwirrenden Identitätswechsel-Konzepten, die sich an Verkopftheit gegenseitig überbieten, etwa die französische Körpertausch-Tragödie „L’Inconnue“ sowie die Fakt-Fiktions-Dramen „Parallel Tales“ von Asghar Farhadi und Pedro Almodóvars „Amarga Navidad“. Deutsche unter den Preisträgern Aber es gibt sieben Hauptpreise und die müssen nun mal vergeben werden. Den Preis für den besten Schauspieler teilen sich verdienterweise Emmanuel Macchia und Valentin Campagne aus der schwulen Soldaten-Liebesgeschichte „Cowards“ des Belgiers Lukas Dhont. Wie sich die beiden Jungs hier zwischen Schützengräben und Lazarett verstohlene Blicke zuwerfen, in denen sich alle Emotionen von Angst und Schmerz über Lust und Begehren bis hin zu Liebe und Kampfesmut spiegeln, ist grandios und berührend. Auch der Preis für die beste Schauspielerin geht an ein Duo: an Virginie Efira und Tao Okamoto, die in „All of a Sudden“ des Japaners Ryusuke Hamaguchi eine krebskranke Theaterregisseurin und ihre Pflegerin spielen, die über drei Stunden lang miteinander philosophieren. Der Franzose Emmanuel Marre nimmt den Preis für das beste Drehbuch für sein überlanges Nazi-Kollaborations-Drama „Notre Salut“ entgegen. Leider ist der Film nur so durchschnittlich wie der Mann, dessen Taten er behandelt. Den Preis der Jury heimst eine Deutsche ein: Valeska Grisebachs „Das geträumte Abenteuer“ ist eine dokumentarisch anmutende Mission einer Archäologin an der bulgarischen Grenze, die von einigen Kritikern als Mafia-Western-Abenteuer gelobt wurde, aber zum Großteil der 167 Minuten Laufzeit unentschlossen vor sich hin mäandert. Als hätte sich die Jury nicht entscheiden können, teilt sie den Regie-Preis auf zwei Kriegs-Dramen auf: Neben Javier Calvo und Javier Ambrossis durch drei Zeitebenen springendem, recht unübersichtlichem queeren Melodram zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs gewinnt auch der frühe Festivals-Favorit „Vaterland“ des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski. Pawlikowski bringt hier sein Markenzeichen – edle Schwarz-Weiß-Aufnahmen wie schon in „Ida“ und „Cold War“ – zur Meisterschaft. In seinem neusten Film widmet er sich einer Perspektive und einem Zeitabschnitt, die bislang noch kaum beleuchtet wurden: der Wiederkehr aus dem amerikanischen Exil in ein zerstörtes Nachkriegsdeutschland im Jahr 1949. Der Schriftsteller Thomas Mann (Hanns Zischler) tritt mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) an, um vor Mitläufern und Kollaborateuren die einstige Stärke Deutschlands zu beschwören, was von den verschiedensten Seiten als verlogen aufgenommen wird – unter anderem von seinem Sohn Klaus, der in Cannes Suizid begeht, während sein Vater in Frankfurt von Goethe schwärmt. Hauptpreis für Toleranz-Drama Den großen Preis der Jury erhält vollkommen zu Recht der Noir-Thriller „Minotaur“ des russischen Regisseurs Andreï Zviaguintsev, eine brillante Verknüpfung von Amour fou im Kleinen und Weltpolitik im Großen. Der auf dem russischen Land lebende Vater und Ehemann Gleb wendet die gleichen Methoden zur Rettung seiner Ehe an wie der russische Staat, um Dissidenten loszuwerden. Das mit politischem Hintergrundgeschehen angereicherte Remake von Claude Chabrols Erotikthriller „Die untreue Frau“ von 1969 ist der eindringlichste unter den Wettbewerbsfilmen. Mit einem minutiösen Gespür für Details und Ästhetik gelingt es Zviaguintsev einen so relevanten wie spannenden Film zu erschaffen, etwas, was man wahrlich nicht von allen Filmen dieses Jahr sagen kann. „Der russische Präsident ist der einzige, der dieses Gemetzel beenden kann“, betont der Exilant Zviaguintsev, der seine Dankesrede nutzt, um über die Zustände in seiner Heimat zu sprechen. Im roten bodenlangen Kleid ruft Schauspielerin Tilda Swinton schließlich „Es lebe die Differenz, es lebe das Kino, es lebe die Menschheit“, bevor sie die Goldene Palme, den Hauptpreis, an den Rumänen Christian Mungiu überreicht. Vor fast zwanzig Jahren gewann Mungiu mit dem Schwangerschaftsabbruch-Drama „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ schon einmal die Goldene Palme. Das leise und doch eindringliche Toleranz-Plädoyer „Fjord“ besticht mit seiner Aktualität: Der norwegische Staat droht einer konservativ-katholischen, rumänisch-norwegischen Familie (die fantastische Renate Reinsve spielt die Mutter), ihre Kinder inklusive des neugeborenen Babys in Pflegefamilien zu stecken, nachdem eine der Töchter mit blauen Flecken in der Schule erschienen ist. Die Frage, wie viel Toleranz wir für andere Lebensmodelle aufbringen müssen, und wann der Punkt des Eingreifens erreicht ist, stellt sich gerade heute, in Zeiten von Migration, Glaubenspluralität und dem Aufeinanderprallen verschiedenster Kulturen, mehr denn je. Eine Botschaft, die gut nach Cannes passt, diese Stadt, in der Klaus Mann begraben liegt, „Thelma und Louise“-Poster die Strandpromenaden unter der glühend heißen Sonne zieren, und in den vergangenen Wochen so unterschiedliche Menschen wie Yacht-Besitzer, Kritiker, Models, Schauspieler und Kinobetreiber nebeneinander in roten Stoffsesseln versanken.
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