Der Sachse mit dem Wurf-Talent - Richter: 74 Meter und ein Traum von Olympia
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Der Sachse mit dem Wurf-Talent: Richter: 74 Meter und ein Traum von Olympia Am Ende fehlten ihm 8 Zentimeter. Das ist so viel, wie die Breite einer Kreditkarte. Oder die Höhe einer Playmobilfigur. Diese acht Zentimeter fehlten Steven Richter (23), um Geschichte zu schreiben. 9. April, Ramona im US-Bundesstaat Oklahoma: Als Richter aus dem Ring geht, fliegt der Diskus noch immer. Auf dieser seit ein paar Jahren zur Diskusanlage ausgebauten Wiese legt er am Ende satte 74 m hin. Acht Zentimeter kürzer als Jürgen Schult (66) bei seinem Weltrekord 1986 in Neubrandenburg, der bis vor zwei Jahren Bestand hatte. Richter zu BILD: „Der Wurf war weit. Es gab nur Linien, die den Sektor markierten, aber keine wie bei anderen Wettkämpfen, wo man sieht, dass es 60, 65 oder 70 m sind. Daher kann man sehr schwer einschätzen, wie weit er ging. Aber mit 74 m habe ich nicht gerechnet. Die waren eine krasse Überraschung.“ Acht der zehn weitesten Würfe der Diskus-Geschichte gab es in Ramona, inklusive des aktuellen Weltrekords von Mykolas Alekna (23/Litauen), der den Diskus vor einem Jahr auf 75,56 m schleuderte. Richter: „Ich wollte die 70 m knacken. Meine Trainer liebäugelten mit Lars Riedels Sachsenrekord von 71,50 m.“ Alles pulverisiert. Darum ist Ramona perfekt zum Diskuswerfen Richter: „Das ist eine sehr große, weite Fläche. Es gibt nichts, das den Wind auch nur annähernd bremsen könnte. Eine klassische Weidefläche. Die nächsten Dörfer sind 15 Minuten weg. Der Wurfplatz liegt höher als die Umgebung. Der Wind kommt flach und knallt gegen diese Erhöhung und bekommt Auftrieb. Dadurch trägt er die Disken deutlich länger. Und der Wind ist stetig stark, während wir in Deutschland mehr Böen haben.“ An Schult dran, die Olympiasieger-Brüder Robert (41) und Christoph Harting (36) weit übertroffen. Ist er besser, als die Hartings je waren? Richter: „Die Weite kann mir keiner mehr nehmen und ich bin auch sehr stolz auf sie. Aber ich kann das schon richtig einordnen. An diesem Ort kommt alles perfekt zusammen. Hätte es den damals schon gegeben, hätten Robert und andere deutlich weiter geworfen. Das weiß ich und deswegen zolle ich den Medaillengewinnern höchsten Respekt. Olympiasieg und WM-Titel haben einen so viel höheren Stellenwert! Ich würde lieber Olympiasieger oder Weltmeister sein, als die 74 Meter geworfen zu haben.“ So tickt Steven Richter Wer ist dieser Sachse aus dem kleinen Ort Gelenau im Erzgebirge (4000 Einwohner)? Er startet für den LV Erzgebirge, trainiert in Chemnitz bei Erfolgscoach Sven Lang (63), der David Storl (35) und Christina Schwanitz (40) zu WM-Gold im Kugelstoßen führte. Zur Leichtathletik kam Richter, weil es mit dem Fußball nicht klappte: „Ich wollte Profi werden, aber dazu hat das Talent nicht gereicht.“ Da er gut laufen konnte, wurden die 800 m seine Heimat. Steven: „Bis ich mit 12, 13 Jahren Jungs sah, die richtige Muskeln hatten. Da sagte ich mir, dass Wurf eventuell das Richtige für mich ist. Im Kraftraum zu stehen, finde ich mega cool.“ Von 68 ging es bis heute auf 120 Kilo rauf, bei 1,98 m. Richter: „Meine Schwester sagte damals: ,Dann wirst du ja ein richtiger Schrank!’ Aber das wollte ich.“ Freundin Aliah freut es! Die war einst Hammerwerferin, hat aber schon mit 16 Jahren aufgehört. Steven: „Ich bin sehr glücklich, dass sie so viel Verständnis zeigt. Ich bin oft unterwegs und wenn ich zu Hause bin, bin ich vom Training oft kaputt.“ Auch ans Leben nach der Karriere denkt er schon. An der TU Chemnitz studiert Richter Sportwissenschaften. Seine Hobbys: Er sammelt 2-Euro-Münzen („Wenn ich eine habe, die 3,50 Euro wert ist, freue ich mich schon“). Und er will dieses Jahr noch seinen Angelschein machen. Steven: „Mein Vater nahm mich oft mit. Leider ist mir das etwas abhandengekommen. Aber ich will das wieder aufleben lassen mit meinen Kumpels.“ Richter will EM-Medaille Und dann gibt es im August ja auch noch die EM in Birmingham. Was ist einfacher: der Angelschein oder eine EM-Medaille? Richter lacht: „Der Angelschein. Eine EM-Medaille ist schon sehr viel schwerer. Das Niveau in Europa ist nahezu gleich stark zum Weltniveau.“ Übrigens: Kontakt zu den Hartings hat er keinen, dafür meldete sich sofort nach dem Wettkampf Schult bei ihm, dessen 74,08 m noch immer deutscher Rekord sind. Richter: „Er sagte: ,Die paar Zentimeter hättest du ruhig noch machen können.’“ Zurück nach Ramona. Sind dort die magischen 80 m möglich? Richter: „Ich kann mir vorstellen, dass der Weltrekord noch nicht das Maximale ist. Wir können den schon noch ein ganzes Stück verbessern, aber 80 m klingen für mich wie eine Utopie.“ Das klangen seine 74 m für ihn bis vor Kurzem auch noch. Richter: „Mein Anspruch ist natürlich, international vorn mit dabei zu sein. Der große Traum ist, dass mir das bei Olympia 2028 gelingt. Darauf liegt mein Fokus.“
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